Staatsstreich und Atomkrieg in fünf Tagen

50 Jahre „Fallex 66“: Veranstaltung am 28. Oktober im Bunker IST AUSGEBUCHT!!!

17. Oktober 1966: Unten ziehen Parlamentarier zum Kriegsspiel im Regierungsbunker ein, oben steht das Volk und guckt zu.Ein Kinoabend zum Jubiläum am Originalschauplatz: Am 28. Oktober um 19.30 Uhr werden in der Dokumentationsstätte Regierungsbunker erstmals Filmaufnahmen aus dem WDR-Archiv gezeigt, die vor und während der NATO-Übung „Fallex 66“ aufgenommen wurden. (Die Veranstaltung ist AUSGEBUCHT!!!) 50 Jahre lagerten mehrere nie gesendete Beiträge im Kölner WDR-Archiv. Intendant Tom Buhrow persönlich beantwortete eine entsprechende Anfrage der Dokumentationsstätte: „Wir unterstützen die Veranstaltung und stellen die historischen Aufnahmen zur Verfügung.“

So kehren sie zurück an den Übungsschauplatz – die Filmbeiträge und mit ihnen Übungsteilnehmer der ersten NATO-Übung im Regierungsbunker. Historisch gesehen waren es denkwürdige fünf Tage in der Unterwelt des Ahrtals. Hier formte sich zwischen dem 17. und 21. Oktober 1966 die erste Große Koalition, geprägt durch CDU-Politiker wie Ernst Benda und Paul Lücke auf der einen Seite und die SPD-Spitze um Helmut Schmidt auf der anderen.

Gerhard Jahn (SPD; rechts) und Ernst Benda (CDU) präsentieren sich nach der Bunkerübung in großer Einigkeit dem WDR-Publikum (21.10.1966). Einen Monat später stellen SPD und CDU/CSU die nächste Bundesregierung.Die Presse titelte damals entsprechend: „Staatsstreich im Sandkasten“. Denn die mitregierende FDP musste beim Durchüben der umstrittenen „Schubladengesetze“ (Notstandsverfassung) feststellen, dass parlamentarische Mehrheiten auch ohne sie und mit Zustimmung der SPD-Riege möglich waren. Unmittelbar nach der Übung „Fallex 66“, die in drei Etappen einen Atomkrieg durchexerzierte, zogen die Freien Demokraten ihre Minister aus der Regierung ab und machten damit den Weg frei für die erste Große Koalition unter einem neuen Kanzler Kiesinger.

Anzeichen für den „Staatsstreich“ gab es bereits bei einer WDR-Gesprächsrunde mit beteiligten Politikern im Walporzheimer Weinlokal „St. Peter“ am letzten Übungstag. Ernst Benda (CDU), Gerhard Jahn (SPD) und Wolfram Dorn (FDP) waren direkt aus dem Bunker in die Weinwirtschaft gewechselt und sprachen über Übungsinhalte. Politischer Konsens wurde durch Benda und Jahn in der Frage vorgetragen, ob die Anwendung der Notstandsgesetze zielführend verlaufen sei: Die Übung habe deutlich ihre Wichtigkeit für parlamentarische Entscheidungsfähigkeiten und Mitbestimmungsrechte auch in Zeiten der Staatsnot bewiesen. Wolfram Dorn (FDP) wirkte in der Runde zumeist sprachlos … und wie das fünfte Rad am Wagen.

Mit Ernst Benda und Wolfram Dorn wurden zum gleichen Thema 2005 und 2008 Fernsehinterviews geführt, die ebenfalls gezeigt werden und die unmissverständliche Botschaft vortragen: „Fallex 66“ war einschneidend auch für das Verhältnis der Politiker, selbst 40 Jahre nach Übungsende.

2007 kehrte Wolfram Dorn in den Regierungsbunker zurück und fand im Interview deutliche Worte: "Benda hat das Parlament von vorne bis hinten belogen!"Nach dem Bunkerauszug hagelte es Vorwürfe und sogar Anzeigen. Benda erlebte als Bundesinnenminister 1968 die Abstimmung zu den Notstandsgesetzen im Bundestag mit. Dorn zog mit Benda-Nachfolger Hans-Dietrich Genscher ins Innenministerium – als Staatssekretär, dem auch die innere Sicherheit übertragen wurde. Damit fiel der Regierungsbunker in seinen Zuständigkeitsbereich, in dem er drei Jahre zuvor mit seiner FDP ausgeputscht wurde.

Politisch bis persönlich – die Jubiläumsveranstaltung im Regierungsbunker am 28. Oktober wird auch Filmaufnahmen von Übungsteilnehmern bei ihren privaten Vorbereitungen auf „Fallex 66“ zeigen. Da wienert die Ehefrau das Weinglas auf Hochglanz, bevor der Hausherr nach eingehender Sauberkeitskontrolle das Trinkgefäß im Koffer verstaut. Die Spielkarten fliegen hinterher, „denn alles ist ja nur halb so wild, wenn uns abends ein guter Schluck Ahrwein geboten wird.“ Schuhe mit dicken Gummisohlen nennt die Packliste der Weltkrieger „und Sonnenbrillen zum Schutz der Augen vor dem grellen Neonlicht.“ Dann brechen 1.200 Bonner auf ins Ahrtal, begleitet von Fernsehkameras, die sogar vor den Bunkerzugängen aufgebaut werden und festhalten, wie Abgeordnete, Militärs und Sekretärinnen im gerade fertiggestellten Ostteil der Anlage verschwinden. Hinter ihnen schließen sich die Atomschutztore.

Als die Dienststelle Marienthal zum Regierungssitz wird: Größen der Politik reisen zu "Fallex 66" an.Als sie sich wieder öffnen, ist nichts mehr, wie es war. „Fallex 66“ hat nicht nur in der bundesdeutschen Politik Spuren hinterlassen, sondern auch im Leben der Übungsteilnehmer. „Natürlich haben wir uns danach die Frage gestellt, wie es im Ernstfall wäre. Dann sitzen wir da im Bunker und draußen ist nichts mehr“, sprach Annemarie Renger das aus, was wohl alle dachten. Manfred Wörner, Kai-Uwe von Hassel, Heinrich Krone, Helmut Schmidt, Ludwig Erhard, Paul Lücke ... Bundesminister, Staatssekretäre, zwei Bundeskanzler im Bunker, agierende und kommende Größen der Bundespolitik – sie alle vereinte nach dem 21. Oktober 1966 das Bunkerleben und die Übung „Fallex 66“.

Am 28. Oktober informiert die Veranstaltung „50 Jahre Fallex 66“ im Regierungsbunker über einiges Bekannte und viel Neues. Die Teilnehmerzahl ist auf 100 begrenzt.

Anmeldungen sind möglich:

info@bunker-doku.de

hh@regbu.de

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04.10.2016